Deutschland ist verloren
Chronik eines beispiellosen Leidens
Deutschland steht kurz vor dem Kollaps. Nicht militärisch, wirtschaftlich oder gesellschaftlich — nein, schlimmer: emotional. Das Volk ist erschöpft. Man spürt es an der gereizten Stimmung im SUV-Stau vor dem Biomarkt und an den wütenden Kommentaren unter Facebook-Artikeln über Wärmepumpen.
Während irgendwo auf der Welt Menschen verhungern oder vor Bomben fliehen, kämpfen wir hierzulande die wirklich harten Kämpfe: steigende Schnitzelpreise, verspätete Amazon-Lieferungen und die quälende Frage, ob man sich diesen Sommer nur zweimal Griechenland leisten kann. Manche Familien mussten bereits auf Center Parcs ausweichen. Wer da noch von Wohlstand spricht, hat den Bezug zur Realität verloren.
Und als wäre das alles nicht schlimm genug, kommen weiterhin Menschen nach Deutschland. Freiwillig. In ein Land, dessen größte kulturelle Höhepunkte aus Gewerbegebieten, Helene-Fischer-Partys und der WhatsApp-Gruppe „Schicht 2 Jungs“ bestehen. Offenbar spricht sich international einfach nicht herum, wie hart das Leben zwischen Thermomix, Leasingvertrag und jährlicher Heizkostenabrechnung wirklich ist.
Natürlich behaupten diese Zuwanderer dann, sie wollten arbeiten. Sie fahren Pakete aus, bauen Häuser, reinigen Krankenhäuser oder pflegen demente Senioren. Doch der kritische deutsche Geist erkennt sofort: Das kann unmöglich ehrlich gemeint sein. Niemand arbeitet freiwillig in Nachtschichten oder in der Altenpflege, ohne dabei finstere Absichten zu verfolgen. Wahrscheinlich möchten sie am Ende sogar ein besseres Leben für ihre Kinder. Man stelle sich diese Dreistigkeit vor.
Der moderne Deutsche dagegen lebt bescheiden. Er verlangt gar nicht viel. Nur ein Eigenheim trotz mittelmäßigem Gehalts, dreimal Urlaub im Jahr, günstigen Sprit, billiges Fleisch, niedrige Steuern, stabile Renten, funktionierende Infrastruktur und bitte keinerlei Veränderung im direkten Umfeld. Ist das denn zu viel verlangt?
Und so sitzt er Abend für Abend vor dem Fernseher oder doomscrollt durch soziale Medien, wo ihm Menschen begegnen, die noch reicher, schöner und erfolgreicher wirken als er selbst. Influencer auf Bali, Start-up-Gründer in Dubai oder irgendein 23-Jähriger mit Kryptowährungen und Veneers. Der deutsche Durchschnittsbürger hingegen hat lediglich ein halb abbezahltes Reihenhaus und chronische Rückenschmerzen. Ein Schicksal, das kaum jemand angemessen würdigt.
Die Konsequenz liegt daher auf der Hand: Man muss wütend werden. Nicht auf Konzerne, Immobilienmärkte oder jahrzehntelange politische Versäumnisse — das wäre viel zu kompliziert. Nein, man braucht einfach Menschen, die noch ein bisschen ärmer sind als man selbst. Menschen, auf die man zeigen kann, damit sich das eigene Elend endlich wieder wie Überlegenheit anfühlt.
Denn nichts heilt die existenzielle Kränkung des deutschen Wohlstandsbürgers besser als das beruhigende Gefühl, dass wenigstens irgendjemand noch weiter unten steht.
Foto von Markus Spiske auf Unsplash