Mit Cyberstalking vor Cyberstalking schützen

Angriff ist die beste Verteidigung

Kennen Sie diese Menschen, die sich nach Jahren plötzlich wieder für Sie interessieren? Ehemalige Mitschüler, Ex-Kollegen oder entfernte Bekannte, die eines Abends beim doomscrollenden Verfall ihrer Persönlichkeit kurz über Ihr Profil stolpern und sich denken: „Ach guck mal, den gibt’s ja auch noch.“ Und dann passiert das Unfassbare. Sie schauen sich öffentlich zugängliche Inhalte an, die Sie selbst seit acht Jahren täglich ins Internet kippen. Fotos vom Urlaub. Meinungen zum Weltgeschehen. Ein schlecht beleuchtetes Bild von Pasta. Vielleicht sogar ein LinkedIn-Beitrag über „Leadership“.

Die Täter konsumieren all das schamlos, verborgen hinter der perfiden Tarnidentität eines Menschen mit funktionierenden Augen. Die besonders schweren Fälle klicken sogar auf mehrere Bilder hintereinander. Die Täter denken sich Dinge wie: „Ach ja, Stefan, den kenn ich doch noch von der ersten Arbeitsstelle. Wie es dem wohl heute geht? Hat sich bestimmt ein bisschen verändert.“

Psychologen sprechen hier von normalem Sozialverhalten. Ich spreche von digitalem Häuserkampf.

Besonders perfide ist dabei das Motiv. Denn oft geht es den Tätern nicht einmal um konkrete Informationen. Nein, viele versuchen lediglich, ihr eigenes krankhaftes Bedürfnis nach Kontakt, Nostalgie und Zugehörigkeit zu befriedigen. Manche erkundigen sich regelrecht nach Ihrem Wohlbefinden.

Dieses Verhalten beginnt häufig schon im Kindesalter und manifestiert sich spätestens in der Pubertät vollständig. Erste Warnzeichen sind Fragen wie: „Was macht eigentlich der Jonas aus der Parallelklasse heute?“

Ab diesem Punkt ist äußerste Vorsicht geboten. Natürlich bleibt man solchen Menschen nicht schutzlos ausgeliefert. Die moderne Sozialparanoia hat längst elegante Gegenmaßnahmen entwickelt. Man entfernt die verdächtige Person nämlich keinesfalls aus der Freundesliste. Das wäre ja ehrlich, nachvollziehbar und psychisch stabil. Nein. Man verändert stattdessen gezielt die Privatsphäre-Einstellungen so, dass die eigenen Inhalte vor ihr verborgen bleiben, während man selbst weiterhin ungehinderten Zugriff auf ihr gesamtes sozialmediales Nutzerverhalten behält.

Ein digitales Schutzprogramm nach dem Prinzip: „Du darfst mich nicht sehen. Ich hingegen kontrolliere lediglich, ob du moralisch angemessen existierst.“

Im analogen Raum würde das bedeuten, eine vier Meter hohe Betonmauer ums eigene Grundstück zu ziehen, auf der anderen Seite jedoch mehrere 360°-Kameras, Bewegungsmelder und ein Fernglas mit Nachtsichtfunktion zu installieren, um sicherzugehen, dass der Nachbar seine Terrasse nicht auf eine verdächtig entspannte Weise benutzt.

Besonders wichtig ist dabei die moralische Einordnung: Wer heimlich Profile betrachtet, ist ein krankhafter Cyberstalker. Wer dagegen täglich kontrolliert, ob der Ex-Freund inzwischen hässlicher geworden ist, betreibt digitale Selbstfürsorge.

Da muss man differenzieren.

Foto von sour moha auf Unsplash

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