Selbstironie und der erwachsene Umgang mit unbequemer Satire

Humorkunde – Lektion 2

Fast jeder kennt sie, die kleinen und großen Widersprüche zwischen öffentlicher Haltung und privatem Verhalten. Die meisten Menschen bemühen sich allerdings mit erstaunlicher Hingabe darum, diese möglichst unsichtbar zu halten. Etwa der deutsche Nationalfaschist, der seinen kulturellen Abwehrkampf regelmäßig mit türkischem Drehspießfleisch unterbricht. Oder die hochrangige Gewerkschafterin, die den Abend nach der Kapitalismuskritik entspannt mit Kaviar und Champagner im Vier-Sterne-Tagungshotel ausklingen lässt. Der Klimaaktivist wiederum fliegt zur internationalen Protestkonferenz einmal um den halben Planeten, während der marktradikale Großunternehmer bei der ersten wirtschaftlichen Schieflage nach staatlichen Milliardenhilfen ruft, um selbstverständlich nicht sich selbst, sondern „tausende Arbeitsplätze“ zu retten.

Mit diesen ideologischen Verrenkungen beschäftigt sich seit jeher die Zunft der ausgebildeten, teilgebildeten und vollkommen ungebildeten Satiriker dieses Landes. Auch die ungebildete Ein-Mann-Elite dieses Onlinemediums nimmt sich der Thematik in gebotener Regelmäßigkeit an. Den Nutzerstatistiken lässt sich dabei gelegentlich entnehmen, dass Teile der hochgeschätzten Leserschaft Schwierigkeiten haben, zwischen persönlicher Kränkung und gesellschaftlicher Satire zu unterscheiden, insbesondere dann, wenn ausnahmsweise einmal nicht die politische Gegenseite Ziel des Spotts ist.

Um deshalb auch heute wieder einen kleinen Beitrag zur alltagspraktischen Humorkunde der Bevölkerung zu leisten, nähern wir uns dem Thema Selbstironie mit größtmöglicher didaktischer Rücksichtnahme.

Ein Mann läuft durch ein großes Bürogebäude. Vor den Augen zahlreicher Kollegen rutscht er plötzlich auf einer Bananenschale aus und stürzt spektakulär zu Boden. Die Kollegen schmunzeln verhalten. Der Mann selbst jedoch bricht in schallendes Gelächter aus. Durch seinen selbstironischen Umgang mit der eigenen Blamage vermittelt er den Umstehenden Intelligenz, Souveränität und die selten gewordene Fähigkeit, das eigene Ego nicht für den Mittelpunkt der Schöpfung zu halten.

Der gegenteilige Ansatz ist ebenfalls weit verbreitet: Menschen betrachten jede satirische Kritik an der eigenen Weltanschauung sofort als persönlichen Angriff auf ihre Würde, ihre Identität und vermutlich auch auf die Demokratie insgesamt. Das permanente Stolpern durch die eigene Echokammer, begleitet von der verzweifelten Suche nach Argumenten für Überzeugungen, die man ohnehin niemals hinterfragen würde, verhindert allerdings zuverlässig jeden geistigen Fortschritt.

Wer ausschließlich über die Widersprüche anderer lachen kann, hat in Wahrheit keinen Humor, sondern interessiert sich nur für Zustimmung mit Pointe.

Foto: Julian Zwengel (Unsplash)

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