„Energiewende ja, aber bitte nicht hier!“

Wenn die Alltagsrealität mit der eigenen Moral kollidiert

Für eine umfangreiche Reportage zu den Themen Umwelt und Infrastruktur trafen wir uns vor etwa zwei Jahren mit dem politischen Aktivisten Stefan Scheinheilig in seinem gepflegten bürgerlichen Eigenheim in der niedersächsischen Gemeinde Gutmenschingen. Scheinheilig bemängelte, dass die regierenden Parteien in den vergangenen 30 Jahren deutlich zu wenig für den Klimaschutz getan und zudem wirtschaftliche Chancen ungenutzt gelassen hätten. Überall im Land gäbe es freie Flächen für Stromtrassen, hochtechnologische CO₂-neutrale Fabriken und Windkraftanlagen. Laut Scheinheilig sei dies letztendlich eine Win-win-Situation für alle: Arbeitsplätze, Steuereinnahmen, Klimaschutz und Wirtschaftswachstum – alles in einem großen Abwasch.

Durch seinen hohen persönlichen Einsatz sowie sein umfangreiches lokales und regionales Engagement hat Scheinheilig sowohl die niedersächsische Landesregierung als auch die Bundesregierung auf sich aufmerksam gemacht. Politische Schwergewichte nahmen sich Scheinheiligs durchdachter Forderungen an und brachten ein großes klimaschonendes Infrastrukturprojekt auf den Weg. Das Beste an der Sache: Scheinheilig kann seinen „Babys“ quasi beim Wachsen zusehen. Rund um die Gemeinde Gutmenschingen werden Windkraftanlagen, Stromtrassen und sogar klimaschonender Schienenverkehr geplant. Doch dabei soll es nicht bleiben. Viele freie umliegende Flächen sollen bereits von finanzstarken Green-Tech-Firmen angefragt worden sein, um dort größere Produktions- und Logistikstandorte zu errichten.

Erneut machten wir uns auf den Weg zu Stefan Scheinheilig, um ihn zu fragen, wie zufrieden er mit den aktuellen Entwicklungen sei. Dieser begegnete uns jedoch mit überraschender Ernüchterung. Die Forderungen, die er im Hinblick auf Infrastruktur und Klimaschutz aufgestellt hatte, seien schließlich für Deutschland im Allgemeinen gedacht gewesen und nicht für sein direktes Umfeld. Die nun geplanten Windkraftanlagen und Stromtrassen würden nicht mit seinem Bedürfnis nach natürlicher Landschaftsästhetik harmonieren, und dort, wo die Bahnschienen geplant seien, gehe er derzeit immer mit dem Hund spazieren. Zwar würden durch die geplanten Produktions- und Logistikstandorte viele seiner Freunde einen neuen Job finden, andererseits brüte hier auch irgendwo das allseits bekannte, vom Aussterben bedrohte langborstige Zottelschwein. Von den ganzen überlebenswichtigen Insekten ganz zu schweigen. Stechmücken und Zecken zum Beispiel. Der Durchschnittsbürger würde enorm unterschätzen, wie schlimm es für das Ökosystem wäre, wenn diese nervenden und krankmachenden Insekten verschwänden.

Foto von Zbynek Burival auf Unsplash‍ ‍

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Selbstironie und der erwachsene Umgang mit unbequemer Satire

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