Kulturkritik: Was hat SILBERFUX mit „Musik“ zu tun?

Die 2000er haben angerufen: Sie wollen ihre Gitarrenriffs zurück

Der Titel „Musik“ vom Indie-Künstler SILBERFUX ist eine Klasse für sich. Eine Unterklasse! Allein in den ersten Sekunden wird deutlich, warum es im gesamten vergangenen Jahrzehnt nicht zum Welterfolg gereicht hat. Wir starten mit einem Intro, das den traurigen Abgesang einer sterbenden Nachtigall mit Onkel Thorstens altem Roland E-20 vereint.

Nachdem man diese erste Geräuschbelästigung, die auch aus einem Audio-Stock-Archiv stammen könnte, hinter sich gebracht hat, folgt ein Kurswechsel. Und genau da liegt der Hase begraben bzw. der Hund im Pfeffer. Denn bei dem Versuch, eine Brücke von dahinscheidenden Vögeln zu monotonen, leicht verzerrten Powerchords auf der Gitarre und pathetischen ersten Textzeilen zu schlagen, wird klar, dass SILBERFUX hier irgendwie versucht, Sushi mit Currywurst zu kombinieren.

Und das zieht sich wie ein roter Faden durch seine komplette Diskografie: Hier ein bisschen gleichförmiger Elektropop, da ein bisschen pseudoironischer Punk und zwischendurch orientalisch anmutende Filmmusik mit der Produktionsqualität eines Heimstudios aus den 90ern. HÄ?

Wer es dann schafft, dranzubleiben, erreicht irgendwann den Pre-Chorus mit den Textzeilen:

„Seitdem hast du mich treu begleitet
wir sind bergauf und -ab gegangen
abgegangen sind wir öfter
auch mit Gitarre und Gesang“

So genial wie ein fünfjähriger Kindergartenpoet spielt der Künstler hierbei darauf an, dass sich aus dem Kontext an dieser Stelle mehrere Bedeutungen des Wortes beziehungsweise Wortbestandteils „abgegangen“ ergeben können. Nicht nur gebildeten Kulturanalysten sollte jedoch klar sein, dass er mit diesen Worten unfreiwillig blankzieht und seine wiederkehrenden Talfahrten reproduziert.

Aufgrund dieser vorausgegangenen auditiven Marty­rien entsteht beim Hörer ein überbordender Selbsthass, nachdem er sich dem Refrain des Liedes gewidmet hat. Denn hier muss trotz starken inneren Widerstands – man möchte sich beinahe selbst in Brand stecken – zugegeben werden: „Dieser Refrain ist ein ausgewachsener Ohrwurm.“

Vielleicht entschädigt dieses wiederkehrende Element ja den einen oder anderen für die restlichen Foltersequenzen.

Foto von Gabriel Gurrola auf Unsplash

Zurück
Zurück

Der Alltag der Überzeugten

Weiter
Weiter

Kampf um Platz als Leitfossil