Der Alltag der Überzeugten

Von Menschen, die vieles kritisieren und vieles voraussetzen

07.06.2026 – Der sportliche Kfz-Meister Robert mit eigenem Betrieb fragt sich plötzlich, warum seine syrischen Gärtner in letzter Zeit ausschließlich die vereinbarten Leistungen erbringen und nicht mehr mit einem herzlichen Lächeln auf den Lippen zusätzliche Aufgaben übernehmen. Ähnlich ergeht es ihm im Krankenhaus: Trotz Privatversicherung hat er dort nur noch mit ausländischem Personal zu tun, das gleich wieder weg muss, weil es einen „Notfall“ gibt. Auch warum der indische IT-Dienstleister künftig nicht mehr für seinen Betrieb tätig sein möchte, kann sich Robert nicht erklären. Mit seinem öffentlichen Bekenntnis zur AfD in den Lokalmedien vor einigen Monaten dürfte das jedenfalls nichts zu tun haben. Auch seine mehrfach geäußerte Überzeugung, Migranten seien grundsätzlich „Vergewaltiger und Messerstecher“, dürfte auf weltoffene Fachkräfte eigentlich sympathisch und vertrauensbildend wirken.

Robert bleibt ratlos. Deutschland braucht schließlich Fachkräfte. Die Frage ist nur, warum diese Fachkräfte nicht unbedingt mit Menschen zusammenarbeiten möchten, die ihre Existenz als gesellschaftliches Problem betrachten.

Doch nicht nur konservative Unternehmer haben in Deutschland schwer zu tragen.

Die zwanzigjährige Feministin Nadine kämpft täglich gegen das Patriarchat. Besonders belastend ist die Tatsache, dass sich in ihrem betriebswirtschaftlichen Studiengang tatsächlich Männer befinden. Männer, die Vorlesungen besuchen, Referate halten und Prüfungen schreiben, als hätten sie dort etwas verloren.

Während Nadine darüber nachdenkt, wie eine gerechte Gesellschaft ohne Männer organisiert werden könnte, schleppen zwei männliche Möbelpacker Kühlschrank, Waschmaschine und zahlreiche Umzugskartons in ihre Wohnung in den vierten Stock. Wenig später erscheint ein männlicher Elektriker, um Herd und Lampen anzuschließen. Die patriarchalen Strukturen zeigen sich eben oft dort am deutlichsten, wo schwere Gegenstände getragen oder Stromleitungen angeschlossen werden müssen.

Dass Nadine während ihres Studiums nicht nebenbei arbeiten muss, verdankt sie übrigens ihrem Vater. Der stellt trotz seines geringen Einkommens als Paketbote Ersparnisse und einen Teil seines laufenden Verdienstes für seine Tochter bereit.

Robert und Nadine eint die Überzeugung, dass die Gesellschaft dringend verändert werden muss. Glücklicherweise wird sie bis dahin weiterhin von genau den Menschen am Laufen gehalten, die sie am liebsten belehren, verachten oder einfach übersehen.

Foto von Markus Spiske auf Unsplash‍ ‍

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