Arbeiten am Limit

Die unsäglichen Leiden des SPD-Abgeordneten Johannes Fechner

Wenn Politiker wie Johannes Fechner von einer „90-Stunden-Woche“ sprechen, reagieren viele Bürger irritiert. Das liegt allerdings vor allem daran, dass der Durchschnittsdeutsche noch immer ein völlig rückständiges Verständnis von Arbeit hat. Für viele beginnt „harte Arbeit“ erst dann, wenn jemand bei Regen auf dem Bau steht, im Krankenhaus Nachtschicht schiebt oder sich im Einzelhandel acht Stunden lang von Kunden anschreien lässt, weil ihre 30-Cent-Coupons abgelaufen sind.

Die moderne parlamentarische Spitzenarbeit funktioniert dagegen deutlich subtiler. Hier geht es weniger um körperliche Tätigkeit als um permanente symbolische Erschöpfung. Man muss ständig beschäftigt aussehen, obwohl man hauptsächlich zwischen Sitzungen pendelt, in denen entschieden wird, wann die nächste Sitzung stattfindet.

Die Woche beginnt montagmorgens im ICE nach Berlin. Für den einfachen Bürger ist das „Zugfahren“. Für Spitzenpolitiker beginnt hier bereits der Hochleistungsbetrieb: Laptop aufklappen, drei Mails mit „Vielen Dank für Ihre Nachricht“ beantworten und anschließend zweieinhalb Stunden lang mit maximaler Ernsthaftigkeit auf Tabellen starren, die man nie wieder öffnen wird. Zwischendurch einmal tief seufzen. Damit die Demokratie merkt, dass jemand an sie denkt.

Im Bundestag angekommen startet sofort die erste Belastungsphase: die Vorbesprechung zur Vorbereitung der späteren Ausschusssitzung. Dort werden unter enormem Zeitdruck historische Entscheidungen getroffen wie:

  • „Schieben wir T.O.P. 7 auf Donnerstag?“

  • „Brauchen wir dazu noch einen Jour fixe?“

  • „Wer sagt dem Ministerium Bescheid, dass wir noch nicht so weit sind?“

Außenstehende halten das für Leerlauf. Tatsächlich ist es die Verwaltungsparallele zum Schützengrabenkrieg.

Besonders brutal ist die sogenannte Empfangsbelastung. Der Bürger sieht nur Männer in Anzügen mit Weißweinglas neben einem Roll-up. In Wahrheit läuft dort parlamentarische Hochleistung. Man muss gleichzeitig:

  • interessiert wirken,

  • den Namen des Gegenübers vergessen, ohne dass es auffällt,

  • und auf den Satz „Da müsste die Politik endlich mal handeln“ reagieren, ohne reflexartig nach dem nächsten Ausgang zu suchen.

Doch auch die Tätigkeiten eines Abgeordneten sind nicht völlig frei von körperlichen Belastungen. Ein normaler Arbeitnehmer sitzt vielleicht acht Stunden am Tag. Ein Bundestagsabgeordneter hingegen sitzt zusätzlich noch demonstrativ aufmerksam. Teilweise muss sogar über mehrere Stunden hinweg konzentriert genickt werden, während der fünfte Verbandsvertreter des Tages erklärt, Deutschland brauche jetzt „mehr Tempo bei der Digitalisierung“. Das geht massiv auf die Nackenmuskulatur. Viele Politiker sehen nach vier Tagen Sitzungswoche aus, als hätten sie zwölf Stunden lang versucht, eine Excel-Tabelle durch reines Stirnrunzeln zu verstehen.

Dann die Arbeitsessen. Von außen sieht das nach Restaurantbesuch aus. In Wahrheit handelt es sich um psychologische Abnutzung. Lauwarmer Lachs. Filterkaffee mit der Konsistenz von heißem Motoröl. Gegenüber sitzt ein Funktionär und spricht seit 38 Minuten über „Transformationspotenziale kommunaler Verwaltungsstrukturen im ländlichen Raum“. Jeder normale Mensch würde aufspringen und aus dem Fenster fliehen. Der Berufspolitiker hingegen nickt tapfer weiter und murmelt gelegentlich:

„Ganz wichtiger Punkt.“

Das ist professionelle Selbstaufgabe.

Richtig mörderisch wird es am Abend. Podiumsdiskussionen. Parlamentarische Abende. Netzwerkempfänge. Veranstaltungen mit Namen wie „Innovationsdialog Zukunft 2030“. Überall dieselben Häppchen, dieselben Stehtische und dieselben Menschen, die mit todernster Stimme sagen:

„Wir müssen die Menschen mitnehmen.“

Wohin genau, weiß inzwischen niemand mehr. Die meisten Menschen sind seit 15 Jahren schon ziemlich mitgenommen.

Und nach 14 Stunden Sitzungen, Empfängen und betreutem Herumnicken folgt im Hotelzimmer die eigentliche Härteprüfung: X öffnen und lesen, dass Politiker „eh nichts arbeiten“. Spätestens hier beginnt die emotionale Mehrarbeit. Während normale Menschen nach Feierabend abschalten, liegt der Abgeordnete nachts wach und fragt sich:

„Habe ich beim Wirtschaftsempfang vielleicht zu früh zum Mini-Quiche gegriffen?“

Oder:

„Kam mein betroffenes Nicken beim Thema Fachkräftemangel glaubwürdig genug rüber?“

Das ist Verantwortung. Dauerhafte Verantwortung.

Deshalb sollte man mit Kritik an Politikergehältern vorsichtig sein. Natürlich wirken 11.000 Euro monatlich auf manche viel. Aber berücksichtigt das denn auch die psychischen Folgeschäden von 17 Empfängen pro Woche? Die seelische Erschöpfung durch endlose PowerPoint-Präsentationen mit Symbolbildern von Windrädern? Oder die traumatische Erfahrung, zum neunten Mal an einem Abend „spannender Ansatz“ sagen zu müssen, obwohl man innerlich längst jede Hoffnung aufgegeben hat?

Eben. Demokratie verteidigt sich nicht von allein. Irgendjemand muss schließlich die Mini-Quiches essen.

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„Energiewende ja, aber bitte nicht hier!“

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Deutschlands letzter Schutzwall gegen Produktivität