Der älteste überlieferte Witz und Radio Eriwan

Humorkunde – Lektion 1

Nachdem erste negative Reaktionen auf meinen Artikel zur Eigenverantwortung psychisch Kranker eingegangen sind, scheint mir der Zeitpunkt gekommen, einen kleinen Beitrag zur allgemeinen Bildung im Fach Humorkunde zu leisten. Offenbar besteht hier gesellschaftlicher Nachholbedarf. Beginnen wir also dort, wo jede Wissenschaft beginnt: bei den Grundlagen.

Der älteste überlieferte Witz der Menschheitsgeschichte stammt aus dem sumerischen Mesopotamien und lautet:

„Was ist seit Urzeiten noch nie geschehen? Eine junge Frau sitzt auf dem Schoß ihres Mannes und pupst nicht.“

Nun könnte man annehmen, hierbei handle es sich um einen misogynen Angriff auf die Würde der Frau. Manche Zeitgenossen würden vermutlich bereits eine intersektionale Untersuchungskommission einberufen. Tatsächlich ist jedoch anzunehmen, dass die damaligen Erzähler nicht ernsthaft der Auffassung waren, Frauen entwickelten automatisch Flatulenzen beim Kontakt ihrer Gesäßmuskulatur mit männlichen Oberschenkeln. Der Verdacht liegt vielmehr nahe, dass auch vor viertausend Jahren Menschen existierten, die gelegentlich Freude daran hatten, Albernheiten auszutauschen.

Der Witz erfüllt damit eine bemerkenswerte historische Funktion: Er beweist, dass der Mensch schon früh lernte, zwischen Aussage und Intention zu unterscheiden, eine Fähigkeit, die sich stellenweise offenbar nicht dauerhaft evolutionär durchgesetzt hat.

Betrachten wir nun ein weiteres Beispiel humoristischer Hochkultur: die sogenannten Radio-Eriwan-Witze, deren Blütezeit im Kalten Krieg lag.

Anfrage an Radio Eriwan:
„Stimmt es, dass Iwan Iwanowitsch in der Lotterie ein rotes Auto gewonnen hat?“

Antwort:
„Im Prinzip ja. Aber es war nicht Iwan Iwanowitsch, sondern Pjotr Petrowitsch. Und es war kein rotes Auto, sondern ein blaues Fahrrad. Und er hat es nicht gewonnen, sondern es wurde ihm gestohlen. Alles andere stimmt.“

Der humoristische Mechanismus besteht hier im Widerspruch zwischen formaler Zustimmung und vollständiger inhaltlicher Zerlegung der Ausgangsbehauptung. Das Publikum erkennt die Diskrepanz und genau dort entsteht die Komik.

Auch hierbei wäre es selbstverständlich möglich, den Witz mutwillig misszuverstehen. Man könnte etwa beanstanden, dass Diebstahl verharmlost werde oder Fahrräder gegenüber Autos strukturell diskriminiert seien. Man könnte das tun. Man könnte allerdings auch versuchen, zwischen dem Wortlaut einer Aussage und der, ihr zugrundeliegenden Intention zu unterscheiden, jenem traditionsreichen Konzept, auf dem Humor seit Jahrtausenden weitgehend beruht.

Sollte sich in der Mimik des Lesers in Bezug auf diese beiden Beispiele ein leichtes Schmunzeln abgezeichnet haben, wäre dies eine gute Grundlage, um didaktisch darauf aufzubauen. Konkludierend sollte sich ohnehin ein erstes, leicht diffuses Gespür für ironische Zusammenhänge und humoristische Diversität ergeben haben.

Wenn nun also in einem Artikel der mentale Umgang mit „ein paar Tumörchen“ und einer „Pollenallergie“ miteinander verglichen wird, könnte die vorbereitende Leitfrage für die nächste Lektion lauten:

„Besteht eventuell die entfernte Möglichkeit, dass hierbei ein Funken Ironie im Spiel war?“

Wir werden uns dieser komplexen Thematik behutsam nähern.

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