Halt mich fest, Europa!
Wie die EU das Littering-Problem löste, indem sie es einfach nicht hatte
Ein bedeutungsvoller Sommer steht an. Am 11. Juni beginnt die Fußball-Weltmeisterschaft im mexikanischen Estadio Azteca, ab dem 4. Juni tagt der Rat der Europäischen Union in verschiedenen Formaten, und am 3. Juli feiern wir in der EU zwei Jahre „tethered caps“, also an PET-Flaschen und Saftkartons befestigte Deckel. Das ist doch ein idealer Zeitpunkt, um einmal Bilanz zu ziehen: Wurden die ambitionierten Ziele der EU-Einwegkunststoffrichtlinie 2019/904 erreicht?
Das Kernanliegen der Richtlinie in Bezug auf Flaschendeckel bestand darin, keine Mitverantwortung für das globale Littering-Problem zu tragen – also für die überbordende Verschmutzung von Stränden und Meeren durch entsprechendes Plastik. Zur Zufriedenheit aller EU-Bürger und ihrer Regierenden lässt sich feststellen: Haken dran! Und das mit bemerkenswerter Effizienz. Schließlich war der Anteil der EU an herumliegenden Flaschendeckeln in den betroffenen Biotopen bereits vor Inkrafttreten der Richtlinie verschwindend gering. Insbesondere in Deutschland lässt sich dieser Zustand elegant mit dem bestehenden Pfandsystem erklären.
Es ist also gelungen, die Deckel vor dem Rückführungsprozess in das Pfand- bzw. Rohstoffverwertungssystem an der Flasche zu behalten – anstatt sie, wie zuvor, … an der Flasche zu behalten. Fortschritt kann manchmal so verblüffend einfach sein.
Der überwältigende Erfolg der EU-Richtlinie relativiert selbstverständlich auch die zuvor angefallenen Kosten für die Umrüstung der zahlreichen Abfüllanlagen in der Getränkeindustrie. Die gesamtwirtschaftlichen Milliardenbeträge lassen sich schließlich auf schlanke 181.000 Euro pro Abfülllinie herunterbrechen – eine Summe, die jedem Softdrink-Lobbyisten ein (gequältes) Lächeln ins Gesicht zaubert.
Am meisten profitieren jedoch die Verbraucher. Sie dürfen sich seit nunmehr zwei Jahren beim Genuss einer Limonade, eines Eistees oder eines Saftes darüber freuen, ihrer Nase ganz automatisch einen kleinen Plastik-Hut aufzusetzen – ganz ohne Zusatzkosten. Ein Service, den man sich vorher mühsam selbst hätte basteln müssen.
Quelle / Inspiration:
Spiegel: „Was bringen Flaschendeckel an der Leine?“, 06.08.2024, mamk/dpa-AFX