Diagnose: Tarifpolitischer Realitätsverlust

Die letzte Industrie stirbt hochsolidarisch aus

Internationale Gesellschaftsmediziner schlagen Alarm: Die deutschen Gewerkschaften könnten den Bezug zur ökonomischen Realität endgültig verloren haben. Zu diesem Ergebnis kommt eine neue Untersuchung des Instituts für angewandte Tarifpathologie (IAT), das erstmals die psychischen Auswirkungen jahrzehntelanger Funktionärslaufbahnen auf die Wahrnehmungsfähigkeit untersucht hat.

Laut Studienleiter Professor Dr. Helmut Geistesblitz zeigten sich erste Symptome bereits vor Jahren, damals jedoch noch in milder Form. „Anfangs äußerte sich die Erkrankung lediglich durch Forderungen nach mehr Urlaub, kürzerer Arbeitszeit und höheren Löhnen gleichzeitig“, erklärt Geistesblitz. „Mittlerweile beobachten wir jedoch schwere Fälle tarifpolitischer Halluzinationen.“ ‍ ‍

Besonders auffällig sei dabei eine nahezu vollständige Entkopplung von Begriffen wie Produktivität, Wettbewerbsfähigkeit oder Wertschöpfung. Viele Betroffene reagierten auf diese Wörter inzwischen mit sichtbarer Unruhe oder spontanen Warnstreiks. ‍ ‍

Die Krankheit verläuft schleichend. Zunächst entwickelt der Patient ein diffuses Misstrauen gegenüber jeder Form von Arbeit, die länger als vier Tage pro Woche andauert. Später folgt die Überzeugung, Unternehmen verfügten über unbegrenzte Geldreserven, die sie aus ideologischen Gründen lediglich verstecken würden. Im Endstadium fordert der Erkrankte schließlich vollen Lohnausgleich bei reduzierter Arbeitszeit, Inflationsprämien, Transformationsboni, Belastungsausgleich und zusätzliche Regenerationstage, unabhängig davon, ob überhaupt noch jemand produziert. ‍ ‍

Besonders tragisch: Die Gewerkschaften verstehen sich trotz fortgeschrittener Erkrankung weiterhin als Interessenvertretung der Arbeitnehmer. Tatsächlich setzen sie sich nach Erkenntnissen der Wissenschaft inzwischen jedoch überwiegend für Personen ein, die gerade nicht arbeiten. Im Mittelpunkt stünden Vorruheständler, Langzeiterkrankte, Angehörigenpflegende, mental Erschöpfte, Sabbatical-Nehmer und die psychologische Nachbereitung belastender Online-Meetings. ‍ ‍

Parallel dazu habe sich innerhalb der Gewerkschaften eine hochkomplexe Funktionärs- und Verwaltungsstruktur entwickelt. Die Forscher beschreiben einen bürokratischen Organismus aus Konferenzräumen, Arbeitsgruppen und Solidaritätskongressen, dessen Selbsterhaltung inzwischen offenbar wichtiger geworden sei als die Realität außerhalb der Tagungshotels.

‍Finanziert wird dieser Apparat ausgerechnet von denjenigen Arbeitnehmern, deren Arbeitsplätze gleichzeitig durch immer ambitioniertere Forderungen unter Wettbewerbsdruck geraten. Kritiker sprechen bereits von einer ökonomischen Autoimmunerkrankung: Der Organismus bekämpft aktiv die Grundlage seiner eigenen Existenz.

Besonders deutlich zeigte sich dies zuletzt beim Fall des letzten deutschen Industriearbeiters.

Der Mann arbeitet Berichten zufolge allein in einer riesigen Werkshalle irgendwo im Ruhrgebiet. Während er versucht, die Produktion aufrechtzuerhalten, diskutieren elf Betriebsräte, vier Transformationsberater und zwei tarifpolitische Resilienzcoaches darüber, ob seine Anwesenheit toxischen Leistungsdruck auf das restliche Kollegium ausüben könnte.

Die Gewerkschaften fordern unterdessen:

  • die 28-Stunden-Woche,

  • 18 Prozent mehr Lohn,

  • zusätzliche Klimaerholungstage,

  • Hitzefrei ab 23 Grad,

  • mentale Regenerationszeiten nach Schichtbetrieb,

  • sowie Homeoffice-Möglichkeiten (für Produktionsmitarbeiter)

‍Auf den Einwand, dass der Betrieb dadurch möglicherweise nicht mehr wettbewerbsfähig sei, reagierten die Funktionäre irritiert. Wettbewerbsfähigkeit gelte innerhalb moderner Tarifdiskussionen inzwischen als problematischer Kampfbegriff aus der Leistungsgesellschaft.

‍Internationale Gesellschaftsmediziner sehen derzeit kaum Hoffnung auf Besserung. Die Krankheit habe sich bereits tief in den organisatorischen Strukturen festgesetzt. Besonders gefährlich sei der Umstand, dass Betroffene jede Kritik automatisch als Angriff auf Solidarität interpretieren.

Die Gewerkschaften kündigten unterdessen weitere Maßnahmen zur Sicherung des Industriestandorts an. Geplant seien unter anderem tariflich garantierte Mittagsschlafrechte und ein Streik gegen die zunehmende Arbeitsbelastung der Streikorganisation.

Foto von Markus Spiske auf Unsplash

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